Die Reise des Wassers: Was die Niedrigwasseraufhöhung entlang der Oker bewirkt

Was passiert eigentlich mit dem Wasser, das die Harzwasserwerke in trockenen Sommermonaten aus ihren Talsperren an die Flüsse abgeben? Eine Reise entlang der Oker zeigt: Es unterstützt die Trinkwasserversorgung, schafft Lebensräume für Tiere und Pflanzen, dient der Wirtschaft als Ressource und prägt viele Kilometer weiter das Bild einer Großstadt.

Seine Reise beginnt im Harz. Hinter der mächtigen Staumauer der Okertalsperre können rund 47 Millionen Kubikmeter Wasser gespeichert werden. Aus der Talsperre wird auch dann kontinuierlich Wasser an die Oker abgegeben, wenn der natürliche Zufluss des Flusses längst deutlich oder sogar auf ein Minimum zurückgegangen ist.

Niedrigwasseraufhöhung heißt diese wichtige Aufgabe der Talsperren. Vereinfacht gesagt funktioniert sie dabei wie ein Wasservorrat für trockene Zeiten: Wasser aus niederschlagsreicheren Monaten wird gespeichert und später gezielt an die Flüsse abgegeben. In ausgeprägten Trockenperioden kann dadurch deutlich mehr Wasser in die Oker fließen, als der Talsperre gleichzeitig zufließt.

„In ausgeprägten Dürrephasen kann die Niedrigwasseraufhöhung sogar bis zu 15-mal höher sein als der natürliche Zufluss“, erklärt Harzwasserwerke-Stauanlagenmeister Michael Himstedt von der Okertalsperre.

Durchschnittlich etwa 25 Prozent der Gesamtentnahme aus der Okertalsperre werden zur Granetalsperre übergeleitet und unterstützen dort die Trinkwasserproduktion im größten Wasserwerk der Harzwasserwerke.

Die übrigen 75 Prozent setzen ihren Weg als Unterwasserabgabe in der Oker in Richtung Harzvorland fort. Dort zeigt sich schon bald die nächste Funktion.

Vom Fluss in die Wirtschaft

Nachdem das Wasser die Okertalsperre verlassen hat, fließt es gebirgsähnlich durch das wilde Okertal. Hier nutzen kleine private Kraftwerke die Wasserkraft und produzieren umweltfreundlichen Strom.

Kurz danach erreicht das Wasser den gleichnamigen Goslarer Stadtteil Oker. Es verlässt die Oker die engen Täler des Harzes und entwickelt sich zu einem Fluss des Harzvorlandes.

Seit Jahrhunderten spielt das Wasser hier auch für die wirtschaftliche Entwicklung eine wichtige Rolle. Bis heute ist der Fluss Teil der Infrastruktur des dortigen Industrieparks.

Über ein Wehr sowie ein Graben- und Stollensystem kann Wasser aus der Oker entnommen und den Unternehmen am Standort als Betriebswasser zur Verfügung gestellt werden.

Das Wasser aus dem Harz wird damit auf seinem Weg flussabwärts auch zu einer Ressource für die Unternehmen am Standort. Auch die zentrale Kläranlage der Stadt Goslar nutzt hier das Wasser für ihre Prozesse.

„Die Okertalsperre tut was sie soll, sagt Dirk Sielaff Fachdienstleiter Umwelt und Gewässerschutz bei der Stadt Goslar. Talsperren sind multifunktionale Anlagen, die dem Schutz von Menschen und Natur sowie der Versorgung mit „harzhaft frischem Trinkwasser“ dienen.Seit Inbetriebnahme der Okertalsperre im Jahr 1956 liefert sie zuverlässig Trink- und Brauchwasser, ist ein funktionierender Hochwasserschutz und trägt in den trockenen Sommermonaten einen entscheidenden Beitrag zur Niedrigwassererhöhung im Flussgebiet der Oker bei. Diese verlässliche Wasserabgabe ist insbesondere in diesem Sommerhalbjahr von signifikanter Bedeutung für die Gewässerökologie im Okertal und für die Industrieunternehmen im Unterlauf der Oker.“

Wasser als Lebensraum

Von Oker aus setzt das Wasser seine Reise in Richtung Vienenburg fort und erfüllt dort eine ganz andere Aufgabe. Welche Bedeutung die Oker für die Tier- und Pflanzenwelt besitzt, zeigt sich gerade hier. Zwischen Probsteiburg und Vienenburg wird der Fluss derzeit auf rund drei Kilometern vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ökologisch aufgewertet. Elf bisher für Fische und Kleinlebewesen kaum überwindbare Sohlabstürze werden beseitigt, Kiesbänke und Totholz sollen neue Strukturen und Rückzugsräume schaffen.

In der Oker kommen unter anderem Bachforelle, Groppe und Bachneunauge vor. Eine ausreichende Wasserführung bildet eine wichtige Grundlage für ein funktionierendes Fließgewässer und unterstützt damit die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt entlang der Oker.

„Die Niedrigwasseraufhöung beeinflusst unter anderem Wassertemperatur und Sauerstoffhaushalt und schafft damit wichtige Voraussetzungen für Fische, Kleinlebewesen und Pflanzen“, sagt Arndt Schulz von der Talsperrenaufsicht des NLWKN.

Wie die Wasserabgabe gesteuert wird

Welche Bedeutung die Oker für die Tier- und Pflanzenwelt besitzt, zeigt sich gerade hier. Zwischen Probsteiburg und Vienenburg wird der Fluss derzeit auf rund drei Kilometern vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ökologisch aufgewertet. Elf bisher für Fische und Kleinlebewesen kaum überwindbare Sohlabstürze werden beseitigt, Kiesbänke und Totholz sollen neue Strukturen und Rückzugsräume schaffen.

In der Oker kommen unter anderem Bachforelle, Groppe und Bachneunauge vor. Eine ausreichende Wasserführung bildet eine wichtige Grundlage für ein funktionierendes Fließgewässer und unterstützt damit die vielfältige Tier- und Pflanzenwelt entlang der Oker.

„Die Niedrigwasseraufhöung beeinflusst unter anderem Wassertemperatur und Sauerstoffhaushalt und schafft damit wichtige Voraussetzungen für Fische, Kleinlebewesen und Pflanzen“, sagt Arndt Schulz von der Talsperrenaufsicht des NLWKN.

Wenn Talsperrenwasser die Großstadt erreicht

Weiter flussabwärts erreicht das Wasser schließlich die Städte Wolfenbüttel und Braunschweig. Rund 50 Kilometer hat es seit der Okertalsperre zurückgelegt. Doch deren Einfluss ist auch hier noch deutlich spürbar.

Mitten in Braunschweig teilt sich die Oker und umschließt mit ihren beiden Umflutgräben die Innenstadt. Sie prägt das Stadt-Flair, schafft Grün- und Erholungsräume und bietet zugleich zahlreichen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum. Menschen spazieren und joggen an ihren Ufern oder sind mit Booten und Kanus auf dem Wasser unterwegs.

Auch für die Energieversorgung spielt die Oker eine Rolle. Am Heizkraftwerk Mitte von BS|ENERGY wird Wasser aus dem Fluss für Kühlzwecke entnommen und anschließend größtenteils wieder in die Oker eingeleitet. Für die Zukunft plant BS|ENERGY eine Flußwasserwärmepumpe, die die – unter anderem auch so eingebrachte – Wärme des Okerwassers wieder nutzt.

Hier wird die Bedeutung der Niedrigwasseraufhöhung besonders anschaulich: In besonders trockenen Phasen, wenn der natürliche Fluss zurückgeht, stammen rund 50 Prozent des Wassers, das durch Braunschweig fließt, aus den gezielten Abgaben der Okertalsperre. Was viele Kilometer zuvor an der Talsperre beginnt, wird damit mitten in der Großstadt sichtbar.

„Eine ausreichende Wasserführung ist gerade in trockenen Sommermonaten für die Oker in Braunschweig von großer Bedeutung. Sie unterstützt die ökologischen Funktionen des Flusses und trägt zugleich dazu bei, die Oker als prägenden Bestandteil der Stadt mit ihren Grün- und Erholungsräumen bei und ist auch für Nutzungen wie die Kühlwasserversorgung des Heizkraftwerks von Bedeutung“, erklärt Anna-Katharina Hanusch, Dezernentin für Umwelt, Stadtgrün und Hochbau der Stadt Braunschweig.

Von der Talsperre bis weit ins Land

In Braunschweig endet der Weg des Wassers noch nicht. Nördlich der Stadt fließt die Oker weiter, bis sie bei Müden in die Aller mündet. Ihr Weg zeigt, welche Bedeutung das in der Okertalsperre gespeicherte Wasser von der Trinkwasserversorgung bis zur Niedrigwasseraufhöhung besitzt.

„Unsere Talsperren sind weit mehr als Speicher für die Trinkwasserversorgung und einen sicheren Hochwasserschutz. Das Wasser, das wir gezielt an die Flüsse abgeben, entfaltet über viele Kilometer eine sehr positive Wirkung für Tiere und Pflanzen, für die Wirtschaft und für die Menschen in den Städten“, sagt Hendrik Rösch, Technischer Geschäftsführer der Harzwasserwerke.

Die Oker ist dabei nur ein Beispiel. Auch die anderen Talsperren der Harzwasserwerke stützen mit ihren Abgaben die Wasserführung der Flüsse weit über den Harz hinaus.

Die Niedrigwasseraufhöhung gehört damit zu den weniger sichtbaren, aber weitreichenden Aufgaben der Talsperren und entfaltet ihre Bedeutung teilweise erst viele Kilometer flussabwärts.